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In der Schwebe

Wände mit Limewash und Distemper gestalten

In der Schwebe

Wände mit Limewash und Distemper gestalten

Sie wirken schwerelos schwebend und strahlen trotz selbstbewusster Mattheit Lebendigkeit aus: Innenwände, die mit Kalkfarben wie Limewash oder mit Distemper-Farben gestrichen sind. Dazu trägt ihre changierende, leichte Wolkigkeit bei, die sich gezielt dosieren lässt.

Es gibt einen Moment am späten Nachmittag, in dem sich die Schönheit von Flächen, die mit Limewash oder Distemper gestrichen sind, offenbart. Wenn die Sonne flach steht und das Licht sanft die Wände streift, entsteht auf ihnen Bewegung, ein Aufhellen und Abdunkeln, das sich mit dem Sonnenstand verändert. Kalkfarbe, die von englischen und internationalen Herstellern meist Limewash genannt wird, und Distemper, eine kaseingebundene Farbe, sind in ihrer chemischen Formulierung verwandt, im Charakter und der mit ihnen erzielbaren Optik an der Wand aber verschieden. Sie lassen sich jedoch, und das ist das eigentlich Interessante, miteinander kombinieren.

Limewash: Feine Kristalle brechen das Licht

Kalkfarben zählen zu den ältesten Farbarten der Baugeschichte. Bei den Limewash-Produkten der englischen Hersteller wie Farrow & Ball und Little Greene kommen zu den traditionellen Inhaltsstoffen wie gelöschtem Kalk, Wasser und Bindemitteln noch eine sehr hohe Pigmentdichte, die insbesondere dunklen Wänden enorme Tiefe und den berühmten britischen Look verleiht.

Die beim Trocknen entstehenden Calcitkristalle sorgen für dezente Lichtbrechung. Der Anstrich bildet keinen Film. Er kann also nicht abplatzen und lässt Feuchtigkeit passieren. Der hohe pH-Wert macht die Oberfläche von Natur aus alkalisch und damit unattraktiv für Schimmel. Limewash ist stumpfmatt, ohne jeden Anflug von Glanz. Nass wirkt die Wand deutlich dunkler und transparenter. Die Fläche hellt beim Aushärten auf und wird gleichzeitig deckender.

Die sichtbare Textur einer mit Limewash gestrichenen Wand ist farbtonabhängig. Wer eine dramatische, wolkige Wand möchte, benötigt mittlere bis dunkle Töne. Wer hellere Töne wählt, bekommt eine feiner nuancierte Wand, die erst im Streiflicht ihre Wirkung entfaltet. Aufgetragen wird Limewash mit einem Naturborstenpinsel oder einem Quast, da die Farbe eine dünne Konsistenz besitzt. Eine Rolle ist hierfür ungeeignet: Streifen und ungleichmäßige Deckung wären die Folge.

Für den ersten Anstrich wird der Pinsel nur zwei bis drei Zentimeter tief in das Limewash-Produkt eingetaucht, der Überschuss mit einer Handgelenksbewegung abgeschlagen und der Griff nah am Pinselkörper gefasst. Geführt wird im rechten Winkel zur Wand, damit alle Borstenspitzen arbeiten können. Dabei muss die Farbe so weit wie möglich ausgezogen und die Streichrichtung ständig variiert werden. Wer bestimmte Bewegungen wiederholt, kann damit auf Wunsch ein sich wiederholendes Raster erzeugen.

Eine Wand wird von Ecke zu Ecke in einem Zug durchgearbeitet. Einzige Ausnahme: Bei Weißtönen und sehr hellen Tönen kann unterbrochen und nachgearbeitet werden, ohne dass eine sichtbare Ansatzstelle entsteht. Der zweite Anstrich läuft schneller, nasser und deutlich lockerer als der erste ab. Fehlstellen sind bei der zweiten Schicht ausdrücklich erlaubt, da der erste Anstrich bereits für Deckung gesorgt hat.

Wenn gewünscht entsteht mehr Textur durch Verwendung eines kleineren Pinsels für den Schlussanstrich. Denn mehr Pinselstriche erzeugen mehr Winkel bei der Anordnung der Calcitkristalle, an denen sich das Licht brechen kann.

Casein Distemper: Die historische Farbrezeptur

Kasein ist Milcheiweiß, eines der ältesten Bindemittel der Malerei überhaupt. Und wo Kalkfarbe Struktur schafft, lässt Kaseinfarbe Fläche entstehen. Aber eine Fläche mit Textilcharakter. Ein sehr geringer Glanzgrad bedeuten: kein Reflex, keine Spiegelung, keine harten Kanten im Streiflicht. Tiefe Töne wirken dadurch samtiger und dichter, helle Töne weicher.

Ereignislos ist die Fläche trotzdem nicht. Pinselspuren und Pinselstrukturen können unter bestimmten Lichtbedingungen sichtbar bleiben. Gestrichen wird mit einem feinen Synthetikpinsel: Farbe zunächst senkrecht auftragen, dann waagerecht gleichmäßig verteilen. Es muss nass in nass gearbeitet werden, die Wand also in einem Zug gestrichen werden, da sonst Ansatzstellen sichtbar bleiben.

Casein Distemper ist nicht wischfest. Küchen, Bäder und stark beanspruchte Zonen scheiden daher aus.

Perfekte Kombination: Limewash & Distemper

Bleibt die Frage, die in der Praxis am häufigsten gestellt wird: Was tun, wenn man den mineralischen Charakter von Limewash möchte, aber nicht die volle Dramatik der Wolkenstruktur einer Kalkfarbe? Bei einer großen, gut belichteten Wohnzimmerwand kann eine mit Limewash bearbeitete Fläche schnell unruhig wirken. Die Lösung liegt in einem geschichteten Aufbau: zuerst Limewash, anschließend Distemper.

Die Logik dahinter ist optisch wie bauphysikalisch schlüssig. Die Kalkschicht bringt das mit, was kein anderes Farbprodukt herstellen kann: den mineralischen Untergrund, die Lichtbrechung der Calcitkristalle und die Bewegung. Der anschließende Distemper-Auftrag legt sich darüber und egalisiert die Kontraste. Die charakteristische Wolkigkeit verschwindet nicht, tritt aber deutlich zurück.

Und weil Kasein diffusionsoffen ist, geht der zentrale Vorteil der Kalkfarbe, die atmende und feuchteregulierende Wand, nicht verloren. Wie stark man die Wolkigkeit zurücknimmt, ist über die Zahl der Anstriche mit Distemper steuerbar: Ein dünner Anstrich dämpft, zwei nivellieren deutlich stärker. Wichtig bei einer Kombination: Dem Grundanstrich mit Limewash muss ausreichend Trocknungszeit und damit Zeit für die sogenannte Carbonatisierung, also die Ausbildung der Calcitkristalle eingeräumt werden. Erst dann kann mit Distemper weitergearbeitet werden.